Montag, 7. April 2008

News Update

Attentat in Jerusalem

Schlimme Sache, sowas. Ehrlich gesagt war hier niemand wirklich ueberrascht, nachdem ueber hundert Menschen innerhalb von wenigen Tagen in Gaza getoetet wurden. Ueberraschend war nur, dass es sich um einen Palaestinenser aus Ost-Jerusalem, also einen palaestinensischen Israeli, gehandelt hat.
Am eigenen Leib mitbekommen haben wir den Anschlag in sofern, dass die Checkpoints dicht waren. Wir sind zwar noch bis Ramallah und von dort ueber Nablus nach Jenin gekommen, dort, im Norden der Westbank, ging dann allerdings nichts mehr. Um nach Afula/Tiberias zu kommen mussten wir wieder zurueck nach Jerusalem und von dort aus mit dem israelischen Bus um die Westbank herum fahren.

Attentat in Bethlehem

Nur einige Tage nachdem der Anschlag in Jerusalem passiert ist wurden in Bethlehem vier Palaestinenser auf offener Strasse an heligtem Tag von der israelischen Armee erschossen. Sie sassen im Auto, welches danach eher einem Sieb glich. Diese vier Maenner hatten nichts mit dem Attentat in Jerusalem zu tun, allerdings waren zwei von ihnen wohl in recht hohen Positionen der Al-Aqsa Brigaden und einer von ihnen wurde schon seit 1989 gesucht.
Dies betraf mich etwas mehr, als das Attentat in Jerusalem, schon alleine dadurch, dass es in meiner Nachbarschaft passierte. Aber auch dieses Ereignis hatte keine groesseren Auswirkungen auf unser taegliches Leben, ausser, dass wir ein paar Tage frei bekamen, da fuer zwei Tage zum Streik aufgerufen worden war. Ich hatte Schwierigkeiten Bort zu kaufen und mein Toilettenpapier neigte sich dem Ende zu...

Ostern in Bethlehem

War sehr schoen!
Freitag.. ..bin ich mit einer schwedischen Gruppe die Via Dolorosa abgelaufen. Wir haben an jeder Station Halt gemacht und die entsprechende Stelle in der Bibel vorgelesen.
Samstag.. ..gabs einen schwedisch/amerikanisch/britisch/deutschen brunch mit allen moeglichen Leckereien und anschliessendem Ostereier-Anmalen.
Sonntag.. ..Gottesdienst auf dem Oelberg mit Blick auf Jordanien und das Tote Meer kurz nach Sonnenaufgang, danach Gottesdienst in der lutherischen Kirche Bethlehems.
Wir hatten ein sehr schoenes, sommerliches Oster-Wochenende. Bethlehem war sehr ruhig, man konnte die freien Tage geniessen. Jerusalem allerdings sollte ueber Ostern eher gemieden werden. Sehr voll, sehr laut, sehr eng - ja, es geht noch enger in den Gassen der Altstadt Jerusalems :-) Ist eine Erfahrung wert, aber muss nicht unbedingt wiederholt werden.

Neue Wohnung

Seit einer Woche bewohne ich eine kleine Wohnung in der Mittte der Altstadt Bethlehems. Von meinem Balkon habe ich gute Sicht auf die Geburtskirche und wenn ich morgens aufwache darf ein wunderschoenes altes Gewoelbe bewundern. Allerdings wird mir diese Freude nur bis Ende diesen Monats zu Teil. Die Wohnung wird normaerweise von einem Freund von mir bewohnt, der sich aber im Moment eine kleine Auszeit in Texas goennt. Fuer diese Zeit brauchte er jemanden, der auf seine zwei Katzen aufpasst. Wo es mich danach hin verschlaegt wird sich zeigen.

So weit ein kleines Update. Ich hoffe, dass ich demnaechst mal wieder dazu komme eine etwas ausfuehrlichere Rundmail zu schreiben. Allerdings habe ich jetzt kein Internet (und kein Telefon) mehr zu Hause, was das ganze etwas komplizierter macht. Aber ich bin mir sicher, es wird sich eine Moeglichkeit finden :-)

Liebe Gruesse aus dem wieder warmen Bethlehem,
Wiebke

Sonntag, 24. Februar 2008

Hebron...

...habe ich mir vergangenen Sonntag angeschaut. In diesem Eintrag werde ich versuchen die Eindrücke in Worte zu fassen.

Hebron liegt im Süden der Westbank, etwa 45 Minuten entfernt von Bethlehem (mit Bus oder Sammeltaxi). Betritt man Hebron merkt man sofort den Unterschied zu Betlehem. Abgesehen davon, dass Hebron doch ein ganzes Stück größer ist als Betlehem, ist es auch noch eine echte arabische Stadt. Dies merkt man besonders daran, dass die Menschen wohl weniger gewöhnt sind an Touristen/Ausländer – man wird sehr oft angesprochen, wirklich unangenehm wurde es aber in keiner Situation.
Der neuere Teil von Hebron scheint zu einer ganz normalen arabischen Stadt zu gehören; viel Gedränge, belebte Straßen, einfach rundum buntes Treiben.
Erreicht man allerdings die Altstadt erwartet einen ein ganz anderes Bild.
Wie überall gibt es auch hier unendliche enge, verwinkelte Gassen, strenge Gerüche und einige Händler, allerdings herrscht eine gewisse Anspannung. Schaut man nach oben, sieht man den Grund: Die Gassen sind ohnehin schon dunkel, sind aber noch zusätzlich von Gittern „bedeckt“, auf welchen sich Müll und Steine sammeln und auf vielen Dächern sieht man israelische Scharfschützen und etliche Überwachungskameras.
Weshalb Gitter über den Straßen?
Viele Häuser der Altstadt Hebron's sind von israelischen Siedlern bewohnt, die Freude daran haben Steine und Müll auf Passanten zu schmeißen.
Und wozu die große Militär-Präsenz?
Um die Siedler vor den Arabern zu schützen.
In Hebron gibt es drei Siedlungen, eine davon befindet sich mitten in der Altstadt. Hier leben etwa 50 Familien, die in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr Häuser einfach übernommen haben - und um eben jene zu beschützen hat wiederum das israelische Militär Häuser übernommen und sich auf dessen Dächern positioniert.
Doch zu den Gittern über den ohnehin schon engen und dunklen Gassen kommt hinzu, dass einige Straßen einfach abgesperrt sind. Ein ganzes Viertel der Altstadt ist komplett abgeriegelt, da hier nur Siedler wohnen.

Der arabische Teil der Altstadt ist eine belebte Geisterstadt.
Man sieht viele Menschen auf den Straßen, allerdings sind viele Geschäfte geschlossen; insbesondere in der Nähe von Übergängen zu den Siedlungen. Besonders beeindruckte mich ein Platz, der relativ zentral in der Altstadt gelegen ist. Früher war hier ein sehr belebter Markt mit vielen Ständen, gesäumt von einigen Geschäften. Als wir dort waren war alles ausgestorben, nur ein paar Männer saßen vor einem Haus und haben Karten gespielt und Kaffee getrunken. Der Grund? Man findet ihn auf den Dächern – wobei eine Mauer und viel Stacheldraht auch nicht gerade einladend sind.
Eindrucksvoll war es auch die Siedlung in der Mitte der Altstadt zu betreten. Man geht durch einen Checkpoint (in diesem Fall zu vergleichen mit einer Kontrolle am Flughafen) und betritt eine absolut menschenleere Straße. Man sieht typische arabische Häuser, jedes einzelne mit einem Shop im Erdgeschoss, allerdings sind alle fest verriegelt. Die meisten Häuser stehen leer. Die Häuser, welche noch bewohnt sind, haben dicke Gitter vor den Fenstern – wiederum zum Schutz vor Steinen und Müll. Geht man einige Meter weiter sieht man wieder ein kleines Kabuff des israelischen Militärs, hinter welchem die Siedlung beginnt. Man hat sich kaum 50 Meter weit bewegt und findet sich plötzlich in einer anderen Welt wieder. Die Straßen sind sauber, das Straßenbild gepflegt und man sieht keinen einzigen Araber mehr – man ist umgeben von streng religiösen Juden. Und nicht zu vergessen: Man befindet sich immer noch im Zentrum von Hebron.

Wenn man den Konflikt hautnah erleben will sollte man unbedingt nach Hebron kommen. Man sieht die Siedlungen nicht wie in Bethlehem aus weiter Ferne, sondern sie sind mitten drin, was eine unheimlich angespannte Stimmung verursacht.

Hebron: fröhlich, laut, bunt – dreckig, arm, verstört. Einfach verrückt und ein bisschen zu intensiv.

Montag, 28. Januar 2008

Gaza

Wie ihr vielleicht inzwischen mitbekommen habt wohne ich in Bethehem. Bethlehem ist eine kleine, ruhige Ortschaft in der Nähe von Jerusalem - gaaanz weit weg von Gaza.
Naja, nicht weit weg für Deutsche oder gar Europäische Verhältnisse, in diesem Land sind zwei Stunden Fahrt aber schon eine ganze Menge. Diese Tatsache führt dazu, dass man, wenn man im ruhigen Bethlehem wohnt, diesen ganzen Trubel um die Schließung der Grenze ohne Probleme umgehen kann. Wenn man will bekommt man nichts davon mit.

Aber glaubt ihr wirklich ich würde mich raus halten, wenn 1.500.000 Menschen auf einer Fläche eingesperrt werden, die nichtmal halb so groß ist wie Hamburg (360km2), ohne medizinische versorgung, Essen oder Wasserfilter?

Am Samstag fand eine kleine Demo statt, bei der alle möglichen israelischen und palästinensischen Friedens Organisationen vertreten waren. Wir sind im Konvoi zum Erez Checkpoint an der Nordseite des Gazastreifens gefahren und haben Fahnen geschwungen, es wurde gesungen, Parolen zum besten gegeben und es fand eine Kundgebung statt. Die Demonstranten kamen aus allen Teilen Palästinas und Israels und sogar die israelische Polizei schien der ganzen Aktion nicht abgeneigt zu sein. Paralell gab es eine Demo auf Seiten der Palästinenser am gleichen Checkpoint. Sehen konnten wir sie aber leider nicht - die Mauer war im Weg.

Es war ein echtes Erlebnis mal Juden, Christen und Muslime; Israelis, Palästinenser und Internationals zusammen stehen und für etwas kämpfen zu sehen! Die Demo hat Hoffnung gemacht - auch wenn die Situation im Gazastreifen im Moment alles andere als Hoffnungsvoll ist.

Bilder kann ich hoffentlich bald ein paar nachliefern.

Samstag, 12. Januar 2008

Rundmail III

Hallo!

Ja, ich bin noch am Leben, und ja, ihr seid alle noch in meinem Verteiler gespeichert – ja, ich habe sehr lange keine Rundmail mehr geschrieben und hatte deswegen auch schon ein wirklich schlechtes Gewissen. Deswegen werde ich in dieser Mail versuchen etwas ausführlicher zu schreiben.

Inzwischen sind doch tatsächlich schon vier Monate vergangen und ich habe einen etwas tieferen Blick in die palästinensische Gesellschaft werfen können, weshalb ich einige Dinge aus meiner letzten Rundmail korrigieren oder ergänzen möchte.

1.Die frühe Heirat vieler junger Palis...
...hängt mit dem „Spaßfaktor“ zusammen. Wie das? Junge Palästinenser/-innen können nur in sehr seltenen Fällen von zu Hause ausziehen und haben kaum eine Möglichkeit ins Ausland zu gehen – insbesondere die Mädchen. Wenn eine junge Palästinenserin alleine wohnen würde, wäre das Gerede groß; vermutlich würde sie von der Gesellschaft gemieden werden. Dazu kommt, dass es erheblich unsicherer ist alleine zu Wohnen. Die einzige Möglichkeit von den Eltern los zu kommen und auszuziehen ist also die Heirat. Hochzeit bedeutet hier einen Freiheitsgewinn, bedeutet der oft strengen Erziehung der Eltern zu entkommen und zum ersten Mal auf Parties zu gehen o.Ä.
2.Der Unterricht...
....findet durchaus statt. Ja, es ist sehr laut - aber das ist es überall hier. Mir fällt es ehrlich gesagt schon gar nicht mehr auf. Es gibt ein paar echte „Problem-Klassen“ an beiden Schulen, aber das lässt selbstverständlich nicht auf die ganze Schule schließen. Dass ich in der letzten Mail ein so schlechtes Bild von der Situation an den Schulen gegeben habe hängt wohl auch damit zusammen, dass ich dem ganzen mehr oder weniger geordneten Chaos hier noch keinen Durchblick hatte, sondern nur das Chaos gesehen habe.
3.Schulbus/fahren in den engen Gassen...
....gehört zur Normalität. Ich bin inzwischen auch fleißig mit dem Auto unterwegs :-)
4.Ich als Europäerin...
...bin interessant für die Menschen hier, nicht unbedingt nur für die Männerwelt. Ja, man bekommt immer wieder zweideutige Angebote, aber ich denke das ist überall auf der Welt normal. Inzwischen habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Menschen hier einem in erster Linie sehr dankbar sind, dass man hier ist; dass durchaus Interesse an der Kultur, der Sprache und der schwierigen Situation besteht. Als Frau muss man hier einfach generell etwas vorsichtiger sein – und heiraten sollte ich vielleicht nicht unbedingt... ;-)

Was ist seit der letzten Rundmail passiert?

Annapolis...
...war eine „Lachnummer“. Keiner hier hatte wirklich Hoffnung, dass sich durch dieses Treffen etwas ändern würde. Solange die Mauer weiter gebaut wird, weiter Palästinenser insbesondere aus Ostjerusalem vertrieben werden, Siedler massiv vom Staat unterstützt werden gibt es keinerlei Aussicht auf eine Einigung.

Condoleezza Rice und George W. Bush...
...waren in Bethlehem. Außerdem lässt sich Abu Mazin (Mahmud Abbas) ab und zu blicken und Merkel und Steinmeier kommen wohl auch irgendwann demnächst. Was das heißt? Nichts. Es herrscht eine unglaubliche Dichte an Prominenz hier, die meist in Jerusalem in einem schicken Hotel unter kommen. Ein Tag wird dann kurz die Geburtskirche in Bethlehem besucht – d.h. Dass die komplette Innenstadt abgeriegelt wird. Es ist fast unmöglich auch nur annähernd in die Nähe der VIPs zu kommen. Ich wünsche ihnen viel Spaß beim erkunden der aktuellen Situation in Bethlehem.
Schaut her, ich war in Bethlehem! Ich bewege etwas!

Ja, das ganze klingt etwas gefrustet – bin ich auch; zumindest was das Finden einer Lösung für den Konflikt angeht.
Fakten:
Ostjerusalem (palästinensisch) wird von der Mauer durchschnitten, ein Teil Ostjerusalems von Jerusalem einfach „abgekoppelt“
Siedlungen: Sind keine Ansammlungen von Häusern! Die meisten haben die Größe von Städten erreicht. Eine der größten Siedlungen im Osten Jerusalems soll in den kommenden Jahren an Jerusalem angeschlossen werden – zum Stadtgebiet erklärt werden – womit sich Jerusalem fast bis zum Toten Meer erstrecken würde.
Die Mauer verläuft keineswegs auf der ursprünglich vorgesehenen Grenze, der „green line“, für einen Palästinensischen Staat, sondern teilweise einige Kilometer weit im palästinensischen Gebiet. Siedlungen werden durch die Mauer auf „israelische Seite“ geholt und etliche palästinensische Dörfer voneinander abgeschnitten, den Bauern ihr Land geklaut, funktionierende Infrastruktur in den Palästinenser Gebieten unmöglich gemacht – ganz zu schweigen von der Wirtschaftlichen Lage.
Apropos Mauer: Sie wird, wie ja bekannt sein müsste, damit gerechtfertigt, dass seit Beginn des Mauer-Baus kaum noch Selbstmordattentate verübt wurden. Stimmt, allerdings hörten die Anschläge nicht nur wegen der Mauer auf, sondern vor allem weil fast alle radikalen Gruppierungen ihre Leute zurück gepfiffen haben. Das passierte nun praktischer Weise zur gleichen Zeit...
In Israel wird immer noch massiv Propaganda betrieben. Israelische Palästinenser werden im Alltag diskriminiert, haben kaum berufliche Aufstiegsmöglichkeiten.
Ausserdem wirbt Israel immer noch massiv Juden aus aller Welt an nach Israel zu kommen. Es gibt z.B. so genannte „Birth Right“ (Geburtsrecht) Touren. Die israelische Regierung lädt junge Juden von überall auf der Welt ein sich das Land anzuschauen – ALL inclusive. Ihnen werden die schönsten Plätze gezeigt, es wird erzählt, was für ein tolles und erfolgreiches Land Israel sei und die jungen Leute werden sogar durch die Uni´s und potenzielle zukünftige Arbeitsstellen geführt. Ein Freund von mir studiert in Tel Aviv – ein großer Teil seiner Kommilitonen kam mit „Birth Right“ nach Israel.
Es rentiert sich in eine Siedlung zu ziehen. Die Wohnungen und Häuser sind extrem billig, man bekommt erhebliche Steuervergünstigungen und, soweit ich weiß, sogar noch ein wenig „Startguthaben“.
Selbst wenn die Regierung den Siedlungsbau stoppen würde und die Menschen aus den Siedlungen umsiedeln wollen würde – es würde nicht funktionieren! Wir sprechen hier von rund 250.000 Menschen, die alles andere als gewillt sind ihre Häuser zu verlassen.
....usw...

Wenn man miterlebt, wie sehr tagtäglich gegen Versöhnung, gegen eine Beruhigung des Konflikts, gearbeitet wird, kann man diese ganzen sog. „Friedensverhandlungen“ nicht mehr ernst nehmen. Die israelische Regierung kann keinen Frieden wollen, schon allein aus dem Grund, dass dann höchstwahrscheinlich die israelische Gesellschaft in sich zusammen brechen würde.
Die israelische Gesellschaft ist höchst instabil und wird, denke ich, nur noch durch den gemeinsamen Feind zusammen gehalten. Zuerst muss man zwischen säkularen und religiösen Juden unterscheiden. Die säkularen Juden sind mit durchschnittlichen Europäern zu vergleichen. Sie wollen Frieden, aber sind meist weniger interessiert an Politik und sehr Unwissend, was die Situation in den Palästinenser Gebieten angeht. Die religiösen Juden unterteilen sich in unendlich viele Gruppierungen, die sich meist gegenseitig nicht anerkennen oder gar verfeindet sind. Die orthodoxen und vor allem die ultra-orthodoxen Juden lehnen gar den Staat Israel ab und werden zum großen Teil aus den USA finanziert. Aber damit könnte man ein Buch füllen.
Aber wer hätte es gedacht: Die palästinensische Gesellschaft ist auch nicht gerade geeint – was doch etwas bekannter sein dürfte. Ja, es gibt den Konflikt zwischen Fatah und Hamas, den zwei stärksten Parteien in den Palästinenser Gebieten, der besonders im Gaza Streifen im Moment sehr aktuell ist. Ein Konflikt, den man aber im täglichen Leben viel stärker spürt, ist der zwischen Muslimen und Christen. Die Christen sind eindeutig eine Minderheit, erhalten allerdings meist eine bessere Bildung. Viele Muslime sind Christen nicht gerade gut gesonnen. Das kann das Leben als Christ hier erheblich erschweren – ab und zu werden aus diversen Gründen christliche Familien terrorisiert. Ehrlich gesagt würde ich es aber nicht wirklich als Konflikt bezeichnen, ich sehe es mehr als eine klare Trennung von zwei Gruppen, die nichts miteinander zu tun haben wollen. Allerdings gab es kürzlich diesen Fall im Gaza Streifen: Ein muslimisches Mädchen ist zum Christentum konvertiert. Kurz darauf wurde sie von einer Gruppe muslimischer Männer durch ganz Gaza gehetzt und letztendlich gesteinigt. Ist aber ein krasses Beispiel und fand, wie gesagt, im Gaza Streifen statt, wo die Situation doch erheblich angespannter ist.
Wie macht sich das Ganze in meinem Alltag bemerkbar? Ich versuche muslimische Männer zu meiden, da sie oft ein etwas verschobenes Bild von westlichen Frauen haben. Eine der ersten Fragen, die man stellt, wenn man jemanden kennen lernt, ist die nach der Religions-Zugehörigkeit. Ich hätte es bevor ich hier her kam auch nicht glauben können, aber die Religion sagt doch einiges über eine Person aus – die Erziehung...

Im Moment scheint mir die ganze Situation hier unglaublich Aussichtslos. Die Israelis haben mit der Mauer und etlichen anderen Maßnahmen ein sicheres Mittel gefunden um Selbstmordattentäter zu produzieren und die Palästinenser haben nichts besseres zu tun als sich auch noch gegenseitig die Köpfe einzuschlagen. Es kommt so gut wie gar nicht zum Austausch zwischen Israelis und Palästinensern, allein schon durch die sprachliche Barriere, aber natürlich auch durch deren sehr reale Variante. Die Checkpoints sind für die meisten Palästinenser wie auch Israelis Endstation der Reise. Hinzu kommt, dass fast alle gut ausgebildeten, intelligenten Palästinenser wie auch Israelis (!) auswandern. Übrig bleibt eine ungebildete Unterschicht, die sehr leicht von radikalen Gruppen beeinflusst werden kann – auf beiden Seiten. Außerdem sind Olmert und Abbas nicht die Führungspersönlichkeiten die man benötigen würde, um einen wirklichen Schritt voran zu kommen.
Mein Ziel ist im Moment nicht zu parteiisch zu werden, was mir allerdings sehr schwer fällt. Auch ich muss zum Teil fast eine Stunde am Checkpoint warten, obwohl nicht viel los ist; brauche über vier Stunden für eine Strecke von weniger als 20km. Auch ich sehe fast nur Israelis in Uniform, die mit Palästinensern umgehen wie mit Vieh. Ganz zu schweigen von der Mauer, den zerstörten Häusern, den Panzerspuren auf der Straße, den Geschichten über getötete Verwandte und Freunde etc.

Doch die Dinge, die mich im Alltag am meisten stören, haben wenig mit den Israelis zu tun, sondern mehr mit der palästinensischen Gesellschaft:

Die Rolle der Frau. Herd, Wischlappen und Bett! Ja, es gibt viele Frauen hier, die arbeiten gehen und sehr emanzipiert scheinen, sind die meisten aber nicht. Die Männer haben nach wie vor das Sagen. Söhne rühren keinen Finger im Haushalt, Töchter müssen schon in jungen Jahren unheimlich viel mithelfen – schmeißen z.T. sogar den Haushalt fast alleine, wenn die Mutter arbeiten geht. Für die meisten meiner Freunde hier wäre es völlig undenkbar auch nur einmal zu putzen – nicht mal das eigene Zimmer. Es wird von den Frauen selbstverständlich erwartet eine perfekte Hausfrau zu sein, egal ob sie noch arbeiten geht, oder nicht.

Das ständige „beobachtet werden“ - ist eine Sache, an die man sich wirklich gewöhnen muss. Mein Vermieter weiß zum Beispiel immer, wann ich nach Hause komme – und sei es morgens um 5h. Hat er nichts besseres zu tun als um diese Uhrzeit am Fenster zu stehen? Schlafen zum Beispiel? Scheinbar nicht. Allerdings bin ich inzwischen an einem Punkt, an dem mir egal ist, was die Leute über mich denken – mein Gewissen ist die Instanz die zählt. Man muss auch sehen, dass hier die Gemeinschaft unheimlich viel zählt. Man lebt in einem Gefängnis, in dem jeder jeden kennt. Ohne Zusammenhalt würde diese Gesellschaft nicht funktionieren – und das beinhaltet eine gewisses Kontrolle jedes Einzelnen. Verständlich?

Naja, hört sich nicht so prickelnd an, was? Aber alles in allem kann man hier doch eine Menge Spaß haben und vor allem unheimlich viel lernen – gerade durch die etwas anderen Verhältnisse.

Apropos „andere Verhältnisse“: Weihnachten sieht hier etwas anders aus als in Deutschland (was eine wunderbare Überleitung *lol*).
Weihnachten beginnt mit einem „Fasnet-artigen“ Marsch von Scout Gruppen durch Bethlehems Altstadt mittags um 12h. Dann wird gut gegessen und man geht gemeinsam in die Kirche. Danach gehen die meisten Jugendlichen auf den Manger Square, den Platz vor der Geburtskirche wo eine große Bühne aufgebaut ist und einige Bands spielen. Es wird gefeiert! Nachts kann man noch in eine der etlichen Mitternachtsmessen gehen oder/und im Cosmos, einem kleinen Club, die Nacht durch feiern. Weihnachten in Bethlehem ist sehr kommerziell, angesichts der Tatsache, dass nur 20% der Einwohner Bethlehems Christen sind und ein großer Teil eben jener Weihnachten erst am 6. Januar feiern – die meisten Christen hier gehören der griechisch orthodoxen Kirche an. Weihnachten in Bethlehem heißt: Touristen, wild blinkender Weihnachtsschmuck wohin man schaut, Party, ein klein wenig Besinnlichkeit und ganz wenig Ruhe. Ich habe es trotzdem genossen und auch Sylvester war – trotz fehlendem Feuerwerk – sehr schön.

Ich hoffe auch ihr hattet alle ein schönes Weihnachtsfest und eine guten Rutsch – oder auch eine klaren Schritt – ins neue Jahr!

Liebe Grüße, Wiebke

Ps.: Wenn jemand noch Fragen zur momentanen Situation in den Palästinenser Gebieten hat – immer gern!

Sonntag, 6. Januar 2008

News

So, jetzt komme ich doch entlich mal wieder dazu hier ein kleines Lebenszeichen zu hinterlassen... :-I
Seit dem 17. (?) Dezember ist doch einige Zeit vergangen.

Im Moment bin ich noch dabei meine Weihnachts Ferien zu genießen, die doch tatsächlich fast einen Monat lang sind.

Was habe ich in der ganzen Zeit gemacht?

Am 23. Dezember fand die Weihnachtsfeier der Kollegien meiner zwei Schulen statt. Das bedeutete, dass es in erster Linie natürlich mal wieder reichlich gutes Essen gab, aber auch, dass ich meine Kollegen zum ersten mal wild feiernd erlebt habe. Naja, wild ist veilleicht doch ein wenig übertrieben; verglichen mit einer Weihnachtsfeier in Deutschland ging es aber doch recht heiß her. Eines der Lieder zu welchen am wildesten getanz wurde war übrigens irgendwas von DjÖtzi... :-)

Dann hatten wir in der Weihnachtszeit immer wieder Auftritte mit dem Chor, der Gottesdienst an Heilig Abend in welchem wir gesungen haben wurde sogar mal wieder live übertragen - ins Internet (Sat7). Wie dem auch sei.

Schließlich: Weihnachten in Bethlehem...
...beginnt schon am 24. Mittags um 12h. Zu dieser Zeit beginnen etliche Pfadfinder Gruppen mit Dudelsack, Uniform und Co. durch die Altstadt Bethlehems zu marschieren - Gruppen aus der gesamten Westbank. Allerdings war die Stadt so gestopft voll mit Menschen, dass es schier unmöglich war das Spektakel zu genießen - und noch dazu hatte es über 20°... Naja, danach gabs für mich ein Schwedisch-Palästinensisches Weihnachtsessen. Die Hanna(h)s und ihre Mütter hatten mich eingeladen ihnen zu helfen die Unmengen Essen zu vernichten, die sie vorbereitet hatten. Danach gings direkt in die Kirche. Ein evangelischer Gottesdienst, allerdings weniger entspannt, da, wie erwähnt, unser Chor gesungen hat. Nach der Kirche kurz nach Hause, dann auf den Manger Square - der Platz vor der Geburtskirche. Dort war eine große Bühne aufgebaut und einige Bands gaben ihr Bestes. Allerdings war der Platz zu geschätzten 80% mit muslimischen Männer gefüllt, was das Ganze etwas unangenehm machte. Deswegen bin ich wenig später mit ein paar Freunden zu den "Schäfer Feldern" (oder so ähnlich) gefahren, um wenigstens noch zu etwas Ruhe und besinnlichkeit zu kommen. Diese "Felder" sind die Stelle, an der angeblich den Schäfern ein Engel begegnet ist um sie zum kleinen Jesus zu leiten. Dort gibt es eine kleine Kapelle und mehrere Grotten, in denen ebenfalls Altare stehen. Alles in allem findet man dort vielleicht so um die 15 "freilicht Kirchen" - die an jenem Abend von Asiatischen Touristen mit blinkenden Nikolausmützen gestürmt wurden... Naja.
Zu einem schönen und besinnlichen Abschluss des Abends kam es dann aber doch noch: Um 24h fand in der Universität eine katholische Mitternachtsmesse statt, mit anschließendem Buffet.
Weihnachten im modernen Bethlehem ist alles andere als Ruhig. Man hat Unmengen Touristen die die Stadt stürmen und es ist immer was los. Zeitweise habe ich es fast als eine einzige große Party empfunden - was irgendwie befremdlich war. Dieses ganze Theater scheint besonders künstlich, angesichts der Tatsache, dass die meisten von den nur noch 20% Christen (!) in Bethlehem der griechisch orthodoxen Kirche angehören, die Weihnachten heute, am 6. Januar, feiern. Man könnte sogar ganz böse sagen Weihnachten im modernen Bethlehem ist eine einzige große Show, kreiert für Touristen. Wobei man dabie natürlich zwischen den öffentlichen Veranstaltungen und den traditionellen Feiern im Kreise der Familie unterscheiden muss.

Schon am 26. Dezember kamen dann meine Mutter und meine Schwester zu Besuch, womit ich für die kommende Woche "ausgebucht" war - was ich sehr genossen habe. Eines der interessantesten Erlebnisse das wir zusammen hatten war wohl, dass wir zu Silvester zu einer plaästinensischen Familie eingeladen waren. Es gab wieder mal gutes Essen und es wurde viel getanzt - Sogar die Oma mischte mit.

Und seit dem?
Naja, die Schule fängt für mich erst am 15. Januar wieder an, weswegen ich jetzt hoffentlich noch ein bisschen Zeit haben werde mein Arabisch etwas auf zu polieren und mal wieder eine etwas ausführlichere Rundmail zu schreiben (!).
Ausserdem überlege ich noch ein paar Tage in den Norden an den See Genezareth zu fahren, aber das wird sich ergeben.

Ich wünsche euch allen ein erfolgreiches und glückliches neues Jahr! Passt auf euch auf!

lg, w

Donnerstag, 13. Dezember 2007

Wieder mal ein Nachtrag...

Diesen Beitrag habe ich frecher Weise aus dem Blog von Fabian kopiert:

Me’a She’arim
11. Dezember 2007


Gestern, am vorletzten Tag des Chanuka-Festes habe ich mit einer kleinen Gruppe das wohl bekannteste orthodoxe bis ultraorthodoxe Viertel in Jerusalem besichtigt und dabei einiges über die Gesellschaftsstruktur Israels erfahren. Offenbar kann der Staat doch froh sein, die Palästinenser zu haben, weil der Konflikt mit denen die innerpolitischen Spannungen weniger wichtig erscheinen lässt. Wie tief der Graben zwischen Säkularen und Orthodoxen (und nicht zuletzt den verschiendenen orthodoxen Gruppierungen untereinander) ist, ist mir erst gestern klar geworden.

In Me’a She’arim herrscht eine strikte Kleiderordnung, auf die auch mit Schildern hingewiesen wird. Sprich, Frauen haben lange Kleider zu tragen und ihr Haupthaar möglichst zu verbergen. Vorausgesetzt, man kommt überhaupt weit: wir kamen nicht bis in den historischen Kern des Viertels, weil zwischendurch einige Anwohner lautstark ihren Unmut über unsere (Gruppenstärke leicht über 10 Leute, was schon auffällig und unanständig ist) Anwesenheit geäußert haben. Ein Teilnehmer wurde von einem Ei (roh) getroffen. Mahlzeit!

Hinterher, das muss der Fairness halber erwähnt sein, kam ein anderer Einheimischer zu uns, der das Geschehen beobachtet hatte und entschuldigte sich für das Verhalten der Eierwerfer. Die Leute in den Läden, an denen wir vorbeikamen, waren alles in allem auch eher zuvorkommend, aber das ist nunmal nicht das, woran man sich hinterher als erstes erinnert. Interessant war es auf jeden Fall.



Glücklicher Weise habe ich an dieser interessanten Tour auch Teil genommen.

Alltag...

In den letzten Wochen ist nicht besonders viel passiert.
Ich bin ganz normal morgens zur Schule geganden, habe Stunden gegeben und allen möglichen Bürokram erledigt - meine Arbeit im Kindergarten nicht zu vergessen. Allerdings haben am 6. Dezember die Halbjahres-Prüfungen angefangen, was den ganzen Tagesablauf etwas durcheinander bringt. Unterricht habe ich seitdem nichtmehr gemacht, allerdings kam dafür doppelt so viel andere Arbeit auf mich zu - was so nicht zu erwarten war...
Meine Schüler haben in den Prüfungen recht gut abgeschnitten, was mich sehr gefreut hat. Allerdings beinhalteten die Tests natürlich auch nur das, was wir im Unterricht behnadelt haben, was einem erheblich niedrigeren Level entspricht, als dem tatsächlichen Deutschunterricht ihrer Klassenkameraden.
Außerhalb des Unterrichts bekomme ich so langsam immer mehr mit von den Schülern. Sie scheinen langsam Vertrauen zu fassen und im Kindergarten werde ich jedesmal mit einem lauten "saba ilcher" (guten morgen) begrüßt. Sind echt süße Knirpse.
Allerdings muss man sich immer wieder bewusst machen, dass diese Kinder schon einiges durchlebt haben. Ein paar haben gesehen, wie ihre Eltern von israelischem Militär verprügelt und gedemütigt wurden, ein paar haben ihre Eltern verloren, alle waren 40 Tage zu Hause mit der ganzen Familie eingesperrt. Lernt man die Kinder und Jugendlichen hier kennen, sieht man kaum einen Unterschied - nur vielleicht, dass sie extrem laut sind. Schaut man jedoch genauer hin, so kann man eine unheimliche Unruhe erkennen. Ja, natürlich sind Tennager und Kinder immer aktiv, jedoch nicht in diesem Ausmaß. Ich habe bis jetzt nur wenige getroffen, die eine gewisse Gelassenheit ausstrahlten - was bei uns eher selbstverständlich ist.
Allerdings ist es natürlich immer schwierig zu unterscheiden, ob das einfach an der Mentalität der Araber liegt, oder ob es wirklich eine tiefer liegenden Grund gibt.

Die Gesamtsitution hier ist nach wie vor angespannt - nicht zuletzt, da letzte Woche ein palästinensischer Polizist von einem israelischen Soldaten mitten am Nachmittag auf offener Straße in Betlehem erschossen wurde. Bisher habe ich nur mitbekommen, dass es sich wohl um eine normale Verkehrskontrolle gehandelt hat. Ja, sowas passiert hier öfter, allerdings sehr selten in der Gegend um Betlehem - und noch dazu nicht weit von meiner Wohnung. War etwas erschreckend.
Dennoch sind die Mesiten hier sehr freundlich und hilfsbereit. Ich habe noch niemanden getroffen, der eine neue Eskalation des Konflikts befürwortet. Ausserdem gibt es gerade Verhadlungen zwischen Hamas und Fateh, die zum Ziel eine friedliche Wiedervereinigung der Palästinensergebiete haben - scheint recht Aussichtsreich zu sein. Dies würde vor allem eine gewaltsame Übernahme des Westjordanlandes durch die Hamas verhindern, wovor viele hier Angst haben.

Im tägliche Leben betreffen mich diese Dinge aber kaum. Ich habe eher mit der etwas fahrigen Mentlität der Palästinenser zu kämpfen. Es ist schwierig sich mit jemandem zu unterhalten, der einen ständig unterbricht und Fragen nicht beantwortet, sondern eine Geschichte dazu erzählt.
Letztens hbe ich einen Kollegen gefragt, ob sich im nächsten Semester für mich betreffend meines Deutschunterrichtes etwas ändern würde. Es hat geschlagene zehn Minuten gebraucht mir zu sagen, dass alles beim Alten bleibt... :-)
An den etwas wilden Verkehr und die "öffentlichen Verkehrsmittel" habe ich mich zum Glück inzwischen gewöhnt.

Achso, hier hat es im Moment übrigens um die 20°C und Sonnenschein...
- ein bisschen Spaß muss sein ;-)