Also, Freitag früh gings los, wenn auch etwas stockend. Freundlich, wie wir sind, wollten wir einen Tschechen mit nach Jerusalem nehmen – er arbeitet in Ramalah und hat sich die Gegend ein bisschen angeschaut. Als wir allerdings vor Talitha Kumi halt machten, um Wieland aufzusammeln, kam der Tscheche auf die glorreiche Idee ein Foto vom Checkpoint zu machen. Naja, es ist verboten Fotos von Checkpoints oder dem Militär zu machen und eben jener Tscheche tat dies stehend an dem höchst gelegenen Punkt der Straße, die nicht gerade wenig vom israelischen Militär befahren wird... „Schwups“ waren die Soldaten an seiner Seite und nahmen ihn auseinander; heißt, Durchsuchung des Handys, der Kamera, des Rucksacks, seiner Taschen etc. Es ist wahrscheinlich, dass er mindestens eine Nacht in der Zelle eines israelischen Gefängnisses verbracht hat.
Wir allerdings erreichten ohne weitere Komplikationen israelischen Grund und Boden und kamen schließlich an einem absoluten Traumstrand zwischen Ashqelon und Ashdot an.
Israel im Oktober... :-)
Als es dann gegen Abend doch etwas kühler wurde machten wir uns auf gen Süden zu meinem Cousin Till, der ca. 2km entfernt vom Gazastreifen in einem Kibbuz lebt und arbeitet.
Ehrlich gesagt hatte ich keine Ahnung, was mich dort erwarten würde, allerdings war ich dann doch überrascht, als ich mich in einer Art Feriendorf wiederfand. Das ganze Dorf sieht einfach aus wie ein großer Campingplatz und auch die anderen Freiwilligen dort (aus Deutschland und Südamerika) vermitteln eine gewisse Ferienlager Stimmung. Till und ein koreanisches Mädchen ausgenommen hatte niemand wirklich Ahnung von der Situation des Landes, in dem sie sich befinden, geschweige denn Interesse. Sehr irritierend! Naja, abends gings dann noch in den Dorf eigenen Pub – klein, aber ganz nett. Komisch war nur, dass wir plötzlich vier israelischen Soldaten gegenüber standen. Sie spielten fröhlich Billard, während ihre MGs lässig an der Wand lehnten – die plötzlich mit einem Lauten scheppern direkt neben mir um fielen. Da wir – wie man sich vielleicht denken kann – ein etwas anderes Verhältnis zum israelischen Militär haben, als die Menschen in diesem Kibbuz, fühlte ich mich von Anfang an nicht wirklich wohl. Es sollte aber noch schlimmer kommen. Gegen später saßen wir in einer recht gemütlichen Runde zusammen, als ein „echter“ Einwohner des Kibbuz sich zu uns setzte. Man muss wissen, dass wir es vermieden haben, Israelis zu sagen, dass wir aus Betlehem kommen – man weiß nie, wie sie darauf reagieren. Es kann leicht vorkommen, dass sie die Unterhaltung auf der Stelle beenden. Naja, nun meinte aber eines der deutschen Mädchen, sie müssten diesem jungen Mann brühwarm erzählen woher wir kommen und was wir dort machen. Alles, was wir mitbekamen, war, dass sie sich „angeregt“ über uns unterhielten, woraufhin für uns die Situation klar war und wir so schnell wie möglich gehen wollten. Allerdings folgte und eben jener junge Mann und es stellte sich heraus, dass er halb Palästinenser war und absolut davon begeistert, dass wir aus Betlehem kommen... :-)
Ich habe mich schon lange nicht mehr so dämlich gefühlt! Uns ist klar geworden, dass wir tatsächlich Schiss hatten! Aber warum? In erster Linie sind wir doch Deutsche, oder nicht? Und auch wenn wir in Betlehem wohnen, warum sollten wir das nicht sagen können? Und trotzdem haben wir uns schon im nächsten Hostel als Freiwillige aus Jerusalem ausgegeben. Warum? Keine Ahnung! Es ist einfach unglaublich schwer hier die eigene Position zwischen den Fronten zu finden.
So, ich denke wir alle drei waren mehr oder weniger froh, als wir wieder aufbrachen – obwohl wir Deutsche sind, sind wir schon so sehr in Palästina angekommen, dass wir uns – oder ich mich? - als Fremde fühlten; auch gegenüber den anderen Deutschen.
Wieland und Till
Unser nächstes Ziel war Tel Aviv. Was soll man dazu sagen? Nicht sehr aufregend. Ich habe Tel Aviv als eine absolut durchschnittliche Großstadt mit sehr wenig eigenem Flair erlebt. Wobei man gegen den Strand wirklich nichts sagen kann :-)
Ja, ich esse hier mit Stäbchen!!!
Naja, am nächsten Morgen gings auch schon weiter nach Haifa, wo wir uns in einem super gemütlichen Hostel einnisteten. Dort lernten wir auch gleich eine Kanadierin (Sarah) und einen Amerikaner (Sutten) kennen, mit welchen wir den Tag verbrachten. Haifa ist Multi Kulti, und trotzdem noch europäisch – allerdings nicht so sehr wie Tel Aviv, was sehr angenehm war. Man hat die Vorzüge des westliche Livestyle und trotzdem noch ein wenig arabische Kultur. Ach ja, und natürlich die Barhai Gardens. Barhai ist irgend eine super neue Religion und einer der - naja - Mitbegründer (?) dieser Religion liegt in Haifa in diesem wahnsinnigen Garten unter dem Tempel begraben. Sehr schön anzusehen, aber wir konnten leider nicht rein.
Darf ich vorstellen: "Schrabbi"
Abends wollten wir, die wir alle so überhaupt nicht begabt sind in diesem Bereich, Pasta kochen. Nur blöd, dass, als wir ins Hostel zurück kamen, zwei Italiener am Herd standen... :-) Wir kamen noch zu unserer Pasta – Pasta auf italienischem Art. So wurde unserer Runde also immer größer, bis wir schließlich mit der ganzen Bande noch das Nachtleben Haifas erkundeten.
Hier sitzen wir noch gemütlich beim Vorglühen...
Den nächsten Tag verbrachten wir ganz gemütlich am Strand südlich von Haifa und starteten gegen Abend wieder gen Jerusalem – das wir allerdings nur mit Schwierigkeiten erreichten. „Schrabbi“ verlor Kühlwasser, was dazu führte, dass wir immer wieder Zwischenstopps mit qualmender Motorhaube einlegen mussten um Wasser nachzufüllen. Ein bisschen Abenteuer zum Schluss muss halt doch sein...
So inzwischen sind schon wieder ein paar Tage vergangen – wahrscheinlich mit die härtesten seit ich hier bin. Meine Schüler benehmen sich wir Irre; ich frage andere Lehrer um Rat, die daraufhin den Schülern damit drohen von der Schule geschmissen zu werden oder mir Vorwürfe machen, ich sollte doch bitte meinen Unterricht interessanter gestalten – Tipps haben sie allerdings keine. Sehr Produktiv! Dazu kommt, dass es hier langsam kälter wird, was ohne Heizung in meiner Wohnung nicht so ganz angenehm ist. Ich werde wohl doch umziehen. Und, last but not least, geht mir diese, wie wir sie nennen, „habibi-Mucke“ (habibi=Schatz, darling) so langsam gewaltig auf den Geist – das ist die Musik, die hier überall (!!!) und immer (!!!) gespielt wird.
Naja, bin n bisschen gefrustet im Moment, aber ich denke, das liegt auch an der Erkältung, die mich gerade plagt – wird schon wieder!
Also, ich hatte ne schöne Reise und bin wohlbehalten wieder zu Hause angekommen, auch wenn ich mal wieder ne Mütze Schlaf gebrauchen könnte. In den letzten Tagen habe ich dann doch den ein oder anderen Abend im Vinzantios verbracht...
Liebe Grüße, W.
4 Kommentare:
Hört sich nach nem coolen Trip an. Aber das haste jetzt halt von deinem ganzen schönen Wetter und der Baderei und so: ne Erkältung.
Und mit den Schülern müsstest Du halt dem Ruf, der Dir als Deutsche vorauseilt gerecht werden. Viel Peitsche, wenig Zuckerbrot dann wird das schon mit der dsziplin finden die Doch bestimmt auch ganz gut, so deutsche Werte...
Genug des Scherzes. Halt die Ohren Steif.
seltsam seltsam
seltsam seltsam
Mit wem hab ichs denn zu tun?
Hallo meine liebe Wiebke. Ich habe leider grade keine Zeit, deine neuesten Berichte zu lesen. Aber ich wollte dir sagen, das meine Mutter nach Palestina fährt. Und zwar ganz in deine Nähe. Mit der sollest du dich mal treffen - ich glaube ihr würdet euch gut verstehen. SIE hat Intersse ;)
lg aus Las Palmas (wo es im Oktober ähnliche Fotos zu machen gibt)
Hallo Cousinchen,
ist ja ganz schön interessant was du das so alles erlebst! les immer fleißig was du so schreibst ;)
und weißte was, ich hab mal wieder nen freiflug nach tel aviv gewonnen ;) habs heut offiziel von meinem chef erfahren. werd am 29.10. runter fliegen und wohl bis 09.11. bleiben. vll klappt es ja mal, dass wir uns sehen. ich hoffe du hast meine handynummer noch und hast dort auch ein handy ;)
sonst schreibst einfach mal eine email: thorti.k@web.de
liebe grüße Thorsten
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