Samstag, 12. Januar 2008

Rundmail III

Hallo!

Ja, ich bin noch am Leben, und ja, ihr seid alle noch in meinem Verteiler gespeichert – ja, ich habe sehr lange keine Rundmail mehr geschrieben und hatte deswegen auch schon ein wirklich schlechtes Gewissen. Deswegen werde ich in dieser Mail versuchen etwas ausführlicher zu schreiben.

Inzwischen sind doch tatsächlich schon vier Monate vergangen und ich habe einen etwas tieferen Blick in die palästinensische Gesellschaft werfen können, weshalb ich einige Dinge aus meiner letzten Rundmail korrigieren oder ergänzen möchte.

1.Die frühe Heirat vieler junger Palis...
...hängt mit dem „Spaßfaktor“ zusammen. Wie das? Junge Palästinenser/-innen können nur in sehr seltenen Fällen von zu Hause ausziehen und haben kaum eine Möglichkeit ins Ausland zu gehen – insbesondere die Mädchen. Wenn eine junge Palästinenserin alleine wohnen würde, wäre das Gerede groß; vermutlich würde sie von der Gesellschaft gemieden werden. Dazu kommt, dass es erheblich unsicherer ist alleine zu Wohnen. Die einzige Möglichkeit von den Eltern los zu kommen und auszuziehen ist also die Heirat. Hochzeit bedeutet hier einen Freiheitsgewinn, bedeutet der oft strengen Erziehung der Eltern zu entkommen und zum ersten Mal auf Parties zu gehen o.Ä.
2.Der Unterricht...
....findet durchaus statt. Ja, es ist sehr laut - aber das ist es überall hier. Mir fällt es ehrlich gesagt schon gar nicht mehr auf. Es gibt ein paar echte „Problem-Klassen“ an beiden Schulen, aber das lässt selbstverständlich nicht auf die ganze Schule schließen. Dass ich in der letzten Mail ein so schlechtes Bild von der Situation an den Schulen gegeben habe hängt wohl auch damit zusammen, dass ich dem ganzen mehr oder weniger geordneten Chaos hier noch keinen Durchblick hatte, sondern nur das Chaos gesehen habe.
3.Schulbus/fahren in den engen Gassen...
....gehört zur Normalität. Ich bin inzwischen auch fleißig mit dem Auto unterwegs :-)
4.Ich als Europäerin...
...bin interessant für die Menschen hier, nicht unbedingt nur für die Männerwelt. Ja, man bekommt immer wieder zweideutige Angebote, aber ich denke das ist überall auf der Welt normal. Inzwischen habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Menschen hier einem in erster Linie sehr dankbar sind, dass man hier ist; dass durchaus Interesse an der Kultur, der Sprache und der schwierigen Situation besteht. Als Frau muss man hier einfach generell etwas vorsichtiger sein – und heiraten sollte ich vielleicht nicht unbedingt... ;-)

Was ist seit der letzten Rundmail passiert?

Annapolis...
...war eine „Lachnummer“. Keiner hier hatte wirklich Hoffnung, dass sich durch dieses Treffen etwas ändern würde. Solange die Mauer weiter gebaut wird, weiter Palästinenser insbesondere aus Ostjerusalem vertrieben werden, Siedler massiv vom Staat unterstützt werden gibt es keinerlei Aussicht auf eine Einigung.

Condoleezza Rice und George W. Bush...
...waren in Bethlehem. Außerdem lässt sich Abu Mazin (Mahmud Abbas) ab und zu blicken und Merkel und Steinmeier kommen wohl auch irgendwann demnächst. Was das heißt? Nichts. Es herrscht eine unglaubliche Dichte an Prominenz hier, die meist in Jerusalem in einem schicken Hotel unter kommen. Ein Tag wird dann kurz die Geburtskirche in Bethlehem besucht – d.h. Dass die komplette Innenstadt abgeriegelt wird. Es ist fast unmöglich auch nur annähernd in die Nähe der VIPs zu kommen. Ich wünsche ihnen viel Spaß beim erkunden der aktuellen Situation in Bethlehem.
Schaut her, ich war in Bethlehem! Ich bewege etwas!

Ja, das ganze klingt etwas gefrustet – bin ich auch; zumindest was das Finden einer Lösung für den Konflikt angeht.
Fakten:
Ostjerusalem (palästinensisch) wird von der Mauer durchschnitten, ein Teil Ostjerusalems von Jerusalem einfach „abgekoppelt“
Siedlungen: Sind keine Ansammlungen von Häusern! Die meisten haben die Größe von Städten erreicht. Eine der größten Siedlungen im Osten Jerusalems soll in den kommenden Jahren an Jerusalem angeschlossen werden – zum Stadtgebiet erklärt werden – womit sich Jerusalem fast bis zum Toten Meer erstrecken würde.
Die Mauer verläuft keineswegs auf der ursprünglich vorgesehenen Grenze, der „green line“, für einen Palästinensischen Staat, sondern teilweise einige Kilometer weit im palästinensischen Gebiet. Siedlungen werden durch die Mauer auf „israelische Seite“ geholt und etliche palästinensische Dörfer voneinander abgeschnitten, den Bauern ihr Land geklaut, funktionierende Infrastruktur in den Palästinenser Gebieten unmöglich gemacht – ganz zu schweigen von der Wirtschaftlichen Lage.
Apropos Mauer: Sie wird, wie ja bekannt sein müsste, damit gerechtfertigt, dass seit Beginn des Mauer-Baus kaum noch Selbstmordattentate verübt wurden. Stimmt, allerdings hörten die Anschläge nicht nur wegen der Mauer auf, sondern vor allem weil fast alle radikalen Gruppierungen ihre Leute zurück gepfiffen haben. Das passierte nun praktischer Weise zur gleichen Zeit...
In Israel wird immer noch massiv Propaganda betrieben. Israelische Palästinenser werden im Alltag diskriminiert, haben kaum berufliche Aufstiegsmöglichkeiten.
Ausserdem wirbt Israel immer noch massiv Juden aus aller Welt an nach Israel zu kommen. Es gibt z.B. so genannte „Birth Right“ (Geburtsrecht) Touren. Die israelische Regierung lädt junge Juden von überall auf der Welt ein sich das Land anzuschauen – ALL inclusive. Ihnen werden die schönsten Plätze gezeigt, es wird erzählt, was für ein tolles und erfolgreiches Land Israel sei und die jungen Leute werden sogar durch die Uni´s und potenzielle zukünftige Arbeitsstellen geführt. Ein Freund von mir studiert in Tel Aviv – ein großer Teil seiner Kommilitonen kam mit „Birth Right“ nach Israel.
Es rentiert sich in eine Siedlung zu ziehen. Die Wohnungen und Häuser sind extrem billig, man bekommt erhebliche Steuervergünstigungen und, soweit ich weiß, sogar noch ein wenig „Startguthaben“.
Selbst wenn die Regierung den Siedlungsbau stoppen würde und die Menschen aus den Siedlungen umsiedeln wollen würde – es würde nicht funktionieren! Wir sprechen hier von rund 250.000 Menschen, die alles andere als gewillt sind ihre Häuser zu verlassen.
....usw...

Wenn man miterlebt, wie sehr tagtäglich gegen Versöhnung, gegen eine Beruhigung des Konflikts, gearbeitet wird, kann man diese ganzen sog. „Friedensverhandlungen“ nicht mehr ernst nehmen. Die israelische Regierung kann keinen Frieden wollen, schon allein aus dem Grund, dass dann höchstwahrscheinlich die israelische Gesellschaft in sich zusammen brechen würde.
Die israelische Gesellschaft ist höchst instabil und wird, denke ich, nur noch durch den gemeinsamen Feind zusammen gehalten. Zuerst muss man zwischen säkularen und religiösen Juden unterscheiden. Die säkularen Juden sind mit durchschnittlichen Europäern zu vergleichen. Sie wollen Frieden, aber sind meist weniger interessiert an Politik und sehr Unwissend, was die Situation in den Palästinenser Gebieten angeht. Die religiösen Juden unterteilen sich in unendlich viele Gruppierungen, die sich meist gegenseitig nicht anerkennen oder gar verfeindet sind. Die orthodoxen und vor allem die ultra-orthodoxen Juden lehnen gar den Staat Israel ab und werden zum großen Teil aus den USA finanziert. Aber damit könnte man ein Buch füllen.
Aber wer hätte es gedacht: Die palästinensische Gesellschaft ist auch nicht gerade geeint – was doch etwas bekannter sein dürfte. Ja, es gibt den Konflikt zwischen Fatah und Hamas, den zwei stärksten Parteien in den Palästinenser Gebieten, der besonders im Gaza Streifen im Moment sehr aktuell ist. Ein Konflikt, den man aber im täglichen Leben viel stärker spürt, ist der zwischen Muslimen und Christen. Die Christen sind eindeutig eine Minderheit, erhalten allerdings meist eine bessere Bildung. Viele Muslime sind Christen nicht gerade gut gesonnen. Das kann das Leben als Christ hier erheblich erschweren – ab und zu werden aus diversen Gründen christliche Familien terrorisiert. Ehrlich gesagt würde ich es aber nicht wirklich als Konflikt bezeichnen, ich sehe es mehr als eine klare Trennung von zwei Gruppen, die nichts miteinander zu tun haben wollen. Allerdings gab es kürzlich diesen Fall im Gaza Streifen: Ein muslimisches Mädchen ist zum Christentum konvertiert. Kurz darauf wurde sie von einer Gruppe muslimischer Männer durch ganz Gaza gehetzt und letztendlich gesteinigt. Ist aber ein krasses Beispiel und fand, wie gesagt, im Gaza Streifen statt, wo die Situation doch erheblich angespannter ist.
Wie macht sich das Ganze in meinem Alltag bemerkbar? Ich versuche muslimische Männer zu meiden, da sie oft ein etwas verschobenes Bild von westlichen Frauen haben. Eine der ersten Fragen, die man stellt, wenn man jemanden kennen lernt, ist die nach der Religions-Zugehörigkeit. Ich hätte es bevor ich hier her kam auch nicht glauben können, aber die Religion sagt doch einiges über eine Person aus – die Erziehung...

Im Moment scheint mir die ganze Situation hier unglaublich Aussichtslos. Die Israelis haben mit der Mauer und etlichen anderen Maßnahmen ein sicheres Mittel gefunden um Selbstmordattentäter zu produzieren und die Palästinenser haben nichts besseres zu tun als sich auch noch gegenseitig die Köpfe einzuschlagen. Es kommt so gut wie gar nicht zum Austausch zwischen Israelis und Palästinensern, allein schon durch die sprachliche Barriere, aber natürlich auch durch deren sehr reale Variante. Die Checkpoints sind für die meisten Palästinenser wie auch Israelis Endstation der Reise. Hinzu kommt, dass fast alle gut ausgebildeten, intelligenten Palästinenser wie auch Israelis (!) auswandern. Übrig bleibt eine ungebildete Unterschicht, die sehr leicht von radikalen Gruppen beeinflusst werden kann – auf beiden Seiten. Außerdem sind Olmert und Abbas nicht die Führungspersönlichkeiten die man benötigen würde, um einen wirklichen Schritt voran zu kommen.
Mein Ziel ist im Moment nicht zu parteiisch zu werden, was mir allerdings sehr schwer fällt. Auch ich muss zum Teil fast eine Stunde am Checkpoint warten, obwohl nicht viel los ist; brauche über vier Stunden für eine Strecke von weniger als 20km. Auch ich sehe fast nur Israelis in Uniform, die mit Palästinensern umgehen wie mit Vieh. Ganz zu schweigen von der Mauer, den zerstörten Häusern, den Panzerspuren auf der Straße, den Geschichten über getötete Verwandte und Freunde etc.

Doch die Dinge, die mich im Alltag am meisten stören, haben wenig mit den Israelis zu tun, sondern mehr mit der palästinensischen Gesellschaft:

Die Rolle der Frau. Herd, Wischlappen und Bett! Ja, es gibt viele Frauen hier, die arbeiten gehen und sehr emanzipiert scheinen, sind die meisten aber nicht. Die Männer haben nach wie vor das Sagen. Söhne rühren keinen Finger im Haushalt, Töchter müssen schon in jungen Jahren unheimlich viel mithelfen – schmeißen z.T. sogar den Haushalt fast alleine, wenn die Mutter arbeiten geht. Für die meisten meiner Freunde hier wäre es völlig undenkbar auch nur einmal zu putzen – nicht mal das eigene Zimmer. Es wird von den Frauen selbstverständlich erwartet eine perfekte Hausfrau zu sein, egal ob sie noch arbeiten geht, oder nicht.

Das ständige „beobachtet werden“ - ist eine Sache, an die man sich wirklich gewöhnen muss. Mein Vermieter weiß zum Beispiel immer, wann ich nach Hause komme – und sei es morgens um 5h. Hat er nichts besseres zu tun als um diese Uhrzeit am Fenster zu stehen? Schlafen zum Beispiel? Scheinbar nicht. Allerdings bin ich inzwischen an einem Punkt, an dem mir egal ist, was die Leute über mich denken – mein Gewissen ist die Instanz die zählt. Man muss auch sehen, dass hier die Gemeinschaft unheimlich viel zählt. Man lebt in einem Gefängnis, in dem jeder jeden kennt. Ohne Zusammenhalt würde diese Gesellschaft nicht funktionieren – und das beinhaltet eine gewisses Kontrolle jedes Einzelnen. Verständlich?

Naja, hört sich nicht so prickelnd an, was? Aber alles in allem kann man hier doch eine Menge Spaß haben und vor allem unheimlich viel lernen – gerade durch die etwas anderen Verhältnisse.

Apropos „andere Verhältnisse“: Weihnachten sieht hier etwas anders aus als in Deutschland (was eine wunderbare Überleitung *lol*).
Weihnachten beginnt mit einem „Fasnet-artigen“ Marsch von Scout Gruppen durch Bethlehems Altstadt mittags um 12h. Dann wird gut gegessen und man geht gemeinsam in die Kirche. Danach gehen die meisten Jugendlichen auf den Manger Square, den Platz vor der Geburtskirche wo eine große Bühne aufgebaut ist und einige Bands spielen. Es wird gefeiert! Nachts kann man noch in eine der etlichen Mitternachtsmessen gehen oder/und im Cosmos, einem kleinen Club, die Nacht durch feiern. Weihnachten in Bethlehem ist sehr kommerziell, angesichts der Tatsache, dass nur 20% der Einwohner Bethlehems Christen sind und ein großer Teil eben jener Weihnachten erst am 6. Januar feiern – die meisten Christen hier gehören der griechisch orthodoxen Kirche an. Weihnachten in Bethlehem heißt: Touristen, wild blinkender Weihnachtsschmuck wohin man schaut, Party, ein klein wenig Besinnlichkeit und ganz wenig Ruhe. Ich habe es trotzdem genossen und auch Sylvester war – trotz fehlendem Feuerwerk – sehr schön.

Ich hoffe auch ihr hattet alle ein schönes Weihnachtsfest und eine guten Rutsch – oder auch eine klaren Schritt – ins neue Jahr!

Liebe Grüße, Wiebke

Ps.: Wenn jemand noch Fragen zur momentanen Situation in den Palästinenser Gebieten hat – immer gern!

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